Motivationsknick im Geschichtsunterricht

Ausgehend von den Kommentaren der letzten Tage zu dem Artikel über die Geschichtslehrerausbildung möchte ich einige Gedanken zu dem regelmäßigen zu beobachtenden und schon mehrfach beschriebenen Einbruch der Motivation nach nur wenigen Wochen Geschichtsunterricht zur Diskussion stellen, der je nach Beginn des Schuljahres in den Wochen vor den Weihnachtsferien einsetzt.

Die meisten Schüler starten mit großem Interesse und Begeisterung in das neue Fach Geschichte, was ihnen je nach Bundesland zu einem unterschiedlichen Zeitpunkt in der weiterführenden Schule angeboten wird. Diese hohe Motivation lässt jedoch erfahrungsgemäß nach bei oft gleichbleibend hohem Interesse an Geschichte außerhalb der Schule. Einzelne Themen sprechen die Schüler oder Schülergruppen in der Folge noch besonders an, wie z.B.  viele Jungen, die sich für Schlachten und militärgeschichtliche Aspekte interessieren. Nur wenige Schüler interessieren sich dauerhaft für die besondere schulische Form von Geschichte. Zeitlich und inhaltlich lässt sich dieser Motivationsknick recht genau bestimmen: Er liegt zumeist bei Einsetzen der Behandlung der politischen Geschichte des antiken Griechenlands.

Warum ist das so? Ich sehe da mehrere Gründe.  Hier einige, zugegebermaßen noch etwas unausgegorene Ideen:

Die Beschäftigung mit dem antiken Griechenland markiert zumeist den Übergang zur Arbeit mit schriftlichen Quellen und Heranführung an die Methoden der Quellenkritik. Kinder haben ein sehr faktenorientiertes Interesse an Geschichte. Wie mehrere Untersuchungen zum Geschichtsbewusstsein von Kindern und Jugendlichen nahe legen,  stellt für die meisten eine kritische Heransgehensweise an Quellen eine Überforderung dar. Zudem entfernt man sich mit der thematischen Schwerpunktsetzung auf der Entwicklung der Staatsformen, insbesondere der attischen Demokratie, so weit wie irgend möglich von der Interessen und der Lebenswelt der der 12-13jährigen Schüler.

Das heißt nicht, dass reflektiertes Geschichtsbewusstsein und politische Geschichte nicht schon früh thematisiert und geübt werden können; im Gegenteil es müssen ädequate Formen der Vermittlung gefunden werden. Die empirischen Untersuchungen deuten hier nämlich auf ein Scheitern des aktuellen Unterrichts hin, das sich eben auch in einer rapiden nachlassenden Motivationskurve nach wenigen Wochen Geschichtsunterricht widerspiegelt.

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5 Gedanken zu „Motivationsknick im Geschichtsunterricht

  1. M.E. liegt das Problem grundsätzlich darin, dass so getan wird, als gäbe es einerseits „die Fakten“ der Vergangenheit (Wie lebten die Menschen damals?) – das stammt aus dem Sachunterricht der Grundschule, der in der 6. Klasse im GU einfach fortgeführt wird – und andererseits die „wissenschaftliche“ Herangehensweise durch Erschließung und Interpretation schriftlicher Quellen. Natürlich ist da ein großer Bruch. Es ist aber m.E. beides falsch.
    Wenn man jedoch 1. das Körber/Schreiber/v.Borries-Kompetenzmodell als analytisches Modell zum Verständnis der Entwicklung historischen Bewusstseins ernst nimmt, dann muss Unterricht von Anfang an auf allen drei Kompetenzgraden mit den Schülern stattfinden, nämlich auf der akonventionellen Ebene, auf der konventionellen sowie auf der transkonventionellen Ebene. Auch muss 2. immer die Frage mitbearbeitet werden: „Was hat das mit mir zu tun?“, also die Perspektive des Schülers selbst mit thematisiert sein (vgl. mein Ansatz zur Lernprozess-Gestaltung mit persönlicher Sinnbildung nach den Erkenntnissen der kulturhistorischen Schule).
    Ein Anfangsunterricht Geschichte darf sich also nicht erschöpfen auf der Ebene des „Geschichte Erzählens“ – was Du wohl mit „Fakteninteresse“ meinst. Ich habe viele Jahre den Geschichtsunterricht in der 6. Klasse begonnen mit einem Projekt „Ich bin Geschichte, ich habe Geschichte, ich erforsche Geschichte. Historisch denken lernen“ begonnen, das das gesamte 1. Halbjahr die Gestaltung eines Klassenmuseums der eigenen historischen Erfahrung darstellte. Erst im 2. Hj haben wir dann mit der Geschichtsentwicklung der Menschheit (Beginn Ur- und Frühgeschichte) angefangen, als die SuS schon Vergangenheit und Geschichte unterscheiden konnten, sowie verschiedene Quellen/Überreste-Sorten und sowohl Dekonstruktion von Quellen als auch Rekonstruktion (Erzählen) geübt hatten (an ihrer eigenen und der Familiengeschichte aus der jüngeren Vergangenheit).

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  2. Danke für deinen wiederum ausführlichen und kritischen Kommentar. Finde ich super deinen Ansatz. Der Lehrplan bei uns sieht anders aus und vermutlich bei euch auch. Was hast du dann mit den Kollegen gemacht, denen du die Klassen evtl. nach der 6. Jahrgangsstufe abgegeben hast? Aus meiner eigenen Erfahrung kenne ich das Lamento der Kollegen, dass die Klasse „nicht weit genug gekommen“ sei. Das resultiert natürlich aus einer problematischen und eigentlich überholten Vorstellung von „Stoffvermittlung“.

    Mit „Fakteninteresse“ meine ich ganz banal die Fragen und das Interesse der Kinder, dass du auch aus deinem Unterricht sicher kennst, die fragen: „Ich hab das gesehen/gelesen, stimmt das?“ oder „Wie war das damals bei…?“.

    Ich glaube übrigens weniger, dass es (Grund-)Schulprägungen sind, die hier greifen, sondern ein medial und gesellschaftliches weiterhin wirkmächtiges (naives, im Gegensatz zu wissenschaftlichem) Geschichtsverständnis, das sich aber in älteren wissenschaftlichen Vorstellungen (z.B. das berühmte Diktum von Ranke) findet und vor allem über Fernsehen, Filme, Kinderbücher aber auch Erzählungen in der Familie weitergegeben wird.

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  3. Ja, mit dem weit verbreiteten naiven Geschichtsverständnis, wie Du es nennst, hast Du bestimmt Recht! Das findet sich natürlich auch bei Geschichtslehrern.

    Was den Stoffplan/Lehrplan und die Konflikte mit Kollegen angeht: Wir hatten schon vor vielen Jahren angesichts der Erfahrung, dass man den Plan sowieso nicht erfüllen kann, an meiner Schule im Fachkollegium mal abgesprochen, dass jede Klassenstufe immer da beginnt, wo ihr Lehrplan beginnt, ganz unabhängig, „wie weit man“ in der Klasse davor „gekommen war“. Und da Geschichtskompetenz m.E. nur sehr bedingt etwas mit einer chronologischen Vollständigkeit – die es doch sowieso nicht gibt – hat, habe ich damit überhaupt keine Probleme gehabt. Warum ist römische Geschichte wichtiger als chinesische oder altamerikanische? Es ist der chronologische Kanon also sowieso schon eine Auswahl, allerdings eine, die andere getroffen haben. Den chronolog. Durchgang durch die eurozentriert und zugespitzt deutsch ausgewählte Geschichte haben wir ja schon sehr lange ;-). Überholt ist er auch in anderer Hinsicht. Z.B. müsste man angesichts der vielen Migranten die Ergebnisse des 2. Weltkriegs ja völlig anders unterrichten heute! Vom Standpunkt einer bspw. polnischen Migrantin her sieht sich der Versailler Vertrag z.B. ganz anders an. Warum also soll ich als Lehrerin, die vor Ort konkret für die Lernprozesse meiner SuS verantwortlich ist, nicht – zusammen mit meinen Schülern – auswählen? Dann stellt sich die Frage des Auswahlkriteriums. Und dann kann man eben auch die Schülerinteressen als Kriterium nehmen.
    Und da wir nach der Mittelstufe keine Zentralabitursähnlichen kognitiven Wissensbestandsprüfungen in Geschichte haben – warum soll man sich diesen fürchterlichen Stoffhubereistress machen? – Alle Untersuchungen zur Effektivität des GU haben ja sowieso ergeben, dass fast nichts davon behalten wird.
    Gegen den chronologischen spricht ein weiteres: Die Geschichte wird ja immer länger. Sollte das heißen, dass die Schüler im Jahre 3000 …. da müssen sie aber lange nachsitzen 😉 Wir haben ja schon in den letzten 25 Jahren gesehen, dass man so nicht weiterwirtschaften kann. Schon gar nicht, wenn das Fach bloß 2 oder sogar nur 1,5 Stunden pro Woche hat. Und das ja auch nur im Gymnasium! In den anderen Schulformen ist noch nicht mal diese Stundenzahl zu erreichen, denn da ist das Fach mit Geographie und Politik zusammengelegt, und die chronologische „Vollständigkeit“ sowieso nicht erreichbar und schon aufgegeben. Heißt das aber, dass Haupt- und Real- und Gesamtschüler kein Geschichtsbewusstsein entwickeln können, das sie so große Löcher in der Chronologie haben müssen???? Also muss der chronologische Durchgang als sine qua non dringend auf den Prüfstand. In HH hat man sich davon noch nicht ganz verabschieden können, also hat man schon vor Jahren z.B. gesagt, die Lehrer können zwischen römischer und griechischer Antike wählen. Aber das ist natürlich keine Lösung, sondern bloß gemogelt.

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  4. Mann, wenn ich sowas lese… unser Curriculum geht in NRW nun für die sechsten Klassen von der Frühgeschichte bis zu den Anfängen des Mittelalters! Ich muss meine Acht vom Absolutismus bis zum Ende des Ersten Weltkriegs treiben. Da klingt Lisas Einstiegsprojekt wie eine wahre Wonne – ich werde Ähnliches bei Gelegenheit anregen (auch wenn ich jetzt schon weiß, dass ich auf Granit stoßen werde…).

    Übrigens nebenbei vielen Dank für das schöne und nützliche Blog!

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  5. Danke für den Kommentar. In der Tat scheinen das vorneolithisch-paradiesische Zustände bei Lisa, hab mir das als Anregung für die nächste Fachkonferenz auch vorgenommen, so denn mal eine stattfindet…
    Wenn ich das so lese, dann bin auch froh, nach Schule und Studium doch nicht in NRW geblieben zu sein 😉
    Die Alternativlösung Griechen oder Römer ist übrigens auch in RLP gewählt worden, allerdings nur für die Oberstufe. Der Mittelstufenlehrplan wird gerade überarbeitet. Man darf gespannt sein!

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