Jede Lehrkraft kennt das: Zumindest in den Klausuren der Oberstufe werden alle Schülerinnen und Schüler aufgefordert ihr Handy abzugeben. Das soll verhindern, dass sie bei einem Toilettengang etwas nachschlagen. Klar, das ging schon immer mit Spickzetteln. Und das geht auch weiterhin. Aber Handys scheinen viel gefährlicher. Warum? Vermutlich weil man hier Zugang zu allen Informationen hat, auch jenen, die man im Vorfeld nicht vorbereitet hat.
Warum macht das eigentlich kaum einer für die Klassenarbeiten in der Mittelstufe oder ist das in anderen Schulen üblich? Nach meiner Beobactung ist die Smartphonedichte dort bereits deutlich höher als in der Oberstufe… das hat ja auch nichts mit einem geltenden Handyverbot zu tun, das den Gebrauch von “Handys” im Schulgebäude untersagt. Täuschungsversuche an sich sind ja bereits nicht erlaubt.
Mir fällt jedes Mal auf, wieviele alte Geräte bei solchen Gelegenheiten von den Lernenden abgegeben werden. Angesichts der Bedeutung von mobilen Geräten als Statussymbol von Jugendlichen ist das in der Tat überraschend. Wer hat in seinem Kollegium schon einmal eine Diskussion über den Sinn dieser Abgabe gehört? Dabei liegt es auf der Hand: Wer täuschen will, gibt sein altes ausgeschaltetes Handy ab und geht mit seinem neuen Modell in Ruhe vor die Tür. Letztlich ist es nur eine Frage des guten Willens der Lernenden, die Regeln des Spiels zu akzeptieren, auf die vorgegebene Art lernen zu wollen und das unerlaubte Nachschlagen in Prüfungen als unfairen Spielzug nicht zu nutzen.
Solche Vorschriften nähren in Schulen mit selbtvergewissender Sanftheit den Glauben, genauso weiter machen zu können wie bisher und vermitteln die vermeintliche Sicherheit von Kontrollmacht, die längst nicht mehr besteht. Liebe Kollegen, wir haben keine Kontrolle mehr. Eine andere Frage ist, ob Lehrer sie denn je hatten. Offenbar wird die Situation durch die Digitalisierung und Vernetzung, wo einfache Antworten immer nur einen Klick weit entfernt sind.
Was es braucht sind neue Aufgaben- und Prüfungsformate.
Das zeigt sich auch in einem anderen Bereich. Mir scheint, dass es den meisten Kollegen überhaupt nicht klar ist, dass Schüler für ihren Klassen und Kursen selbst organisierte Facebook-Gruppen einrichten. Dort werden Fragen geklärt, Hausaufgaben ausgetauscht, Klassenarbeiten werden eingescannt und geteilt und so weiter… Obwohl die Konsequenzen aus dieser Entwicklung den Kern von Unterricht und Schule betreffen, habe ich noch keine Kollegen erlebt, die das im Lehrerzimmer oder in Konferenzen diskutiert hätten. Auch hier beobachte ich ein “Augen zu” und “weiter so”, obwohl im Einzelfall das Einscannen und Weitergeben einer Klassenarbeit bekannt, der betroffene Schüler durch die Schulleitung abgemahnt wurde, es denn Sinn von Hausaufgaben auf den Kopf stellt und letztlich ad absurdum führt, wenn nicht mehr nur vereinzelt im Bus abgeschrieben, sondern systematisch geteilt und kollaboriert wird. Diskutiert wird das Thema allerdings vereinzelt in Lehrerblogs, in den Kollegien ist es meiner Beobachtung nach (noch?) nicht angekommen.
Natürlich reichen die aktuell von den Schulen favorisierten Instrumentarien nicht, um eine Kontrolle im Privatbereich der Lernenden zu unternehmen. Verbieten lassen sich Handys, Facebook usw. allenfalls in der Schule. Über den Sinn, Ziel und Erfolg dieser Maßnahmen sollte grundlegender diskutiert werden. Die selbst organisierte sinnvolle Nutzung der digitalen Medien durch die Lernenden beginnt dort, wo die Verbote der Schule aufhören.
Ist der Kontrollverlust schlimm? Eigentlich nicht. Man sollte sich ihn allerdings bewusst machen. Sind soziale Netzwerke deswegen schlecht? Ganz im Gegenteil. Während die Nutzung digitaler Medien in vielen Schulen in Deutschland weiterhin den gegebenen Möglichkeiten und der Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler hinterherhinkt, organisieren diese sich selbst und ihre Lernprozesse, in dem sie Vernetzung und Austausch nutzen, um in ihrem Sinne effektiver und besser zu arbeiten.
Martin Lindner würde in diesem Zusammenhang von Ermächtigung sprechen. Ich muss zugeben, als Geschichtslehrer mag ich den Begriff nicht (wobei ich “Kollaboration” als Beschreibung einer spezifischen Form von Zusammenarbeit angenommen habe). Nichtsdestotrotz bringt es der Begriff auf den Punkt: Die Lernenden eignen sich die Werkzeuge der digitalen Welt an und nutzen sie gezielt, wo und wie sie ihnen sinnvoll erscheinen.
Um das deutlich zu sagen: Das ist toll! Es verlangt aber auch, dass Schule diese Veränderungen reflektiert und darauf reagiert. Und um es noch einmal zu sagen: Kontrolle ist nur eine Illusion und einfach Weitermachen führt zunehmend zu Absurditäten im System, die von den Schülern auch so empfunden werden.
Dass die selbst organisierte Nutzung von sozialen Netzwerken zum Lernen durch die Schüler auch Grenzen hat und der Lehrkraft eine wichtige, wenn auch veränderte Rolle zukommt, zeigt ein Ereignis der vergangenen Wochen in einem meiner Oberstufenkurse: Im Anschluss an ein Projekt, dessen Inhalte zum Teil Gegenstand der Klausur werden sollten, hatte ich den Schülern einen Pool an Leitfragen gegeben, um die Inhalte des Projekts abschließend noch einmal zusammenzuführen, zu strukturieren und für die Klausur damit einfacher lernbar zu machen. Auf der gemeinsam (mit mir als Lehrkraft) genutzten Lernplattform sollten die Schüler die Antworten gemeinsam erarbeiten, ergänzen und ggf. korrigieren. Mein Angebot war, über die Antworten drüberzuschauen und sie auf Vollständigkeit und Korrektheit zu prüfen.
Bis zur Klausur war nur eine der Leitfragen auf der gemeinsamen Lernplattform bearbeitet. In der Prüfung beantworteten die meisten Schüler die aus dem Pool ausgewählten Fragen im Kern richtig, mit stark sich gleichenden Formulierungen, aber in der Mehrzahl viel zu knapp. Der Kurs hatte in seiner parallel zur Lernplattform genutzten Facebook-Gruppe die Fragen bearbeitet, aber dort waren für mich die erarbeiteten Antworten nicht einsehbar. Die unter den Bedingungen der digitalen Welt veränderten Arbeitsweisen und Rollen verlangen auf beiden Seiten notwendige Lernprozesse.
