Vom Aufstieg und Fall der Blogosphäre?

Sascha Lobo schreibt heute unter dem Titel “Euer Internet ist nur geborgt” über den Niedergang der zahlenmäßig eh nie bedeutenden deutschen Blogsphäre zugunsten von sozialen Netzwerken:

Der Grund für den Sinkflug des Blogs: Soziale Befindlichkeiten werden heute auf Facebook geteilt, kurze Mitteilungen und Links auf Twitter und auf Facebook, Fotos auf einer der hundert Plattformen sowie auf Facebook, Videos auf Youtube und auf Facebook – für fast jede Art von Äußerung, die in einem Durchschnittsblog 2005 der Netzöffentlichkeit präsentiert wurde, gibt es heute ein eigenes Social Network. Und Facebook.

Genau: Wurden Blogs früher oder von einigen bis vor kurzem als “Internettagebücher” beschrieben, dann braucht sich genau dafür niemand mehr die Mühe zu machen, ein eigenes Blog zu betreiben. Genau diejenigen, die früher , bis vor kurzem oder bis heute Bloggen ablehnen, weil warum sollten sie ihr Privatleben als Tagebuch öffentlich machen, tun genau dies in sozialen Netzwerken.

Interessanterweise, und das fehlt mir bei Lobo, geht dieses Verlagern von Befindlichkeitsäußerungen und Linkhinweisen zugleich mit einer Aufwertung von Blogs einher, die zunehmend u.a. im Bildungsbereich und  in der Wissenschaft als Arbeits- und Publikationswerkzeug anerkannt werden. Hier findet gerade eine wenn auch langsame, so doch kontinuierliche Ausweitung und Aufwertung der Blogosphäre statt.

Mit Überraschung habe ich zuletzt gestern auf Twitter eine Nachricht entdeckt, die auf eine “Veranstaltung für Promovierende aller Fachbereiche” zum “Bloggen in den Wissenschaften” an der Universtität Koblenz-Landau hinweist. Ich mag Koblenz wirklich gerne und ich hoffe, mir ist hier niemand böse, wenn ich in dem Zusammenhang ganz positiv feststelle, dass wissenschaftlichen Bloggen offensichtlich auch an den Provinzunis angekommen ist.

Das ist nur ein Beispiel. Die wachsende Zahl von Lehrerblogs könnten dafür ebenso als Beleg dienen wie das Hypotheses-Portal oder die Tagung zu Weblogs in den Geisteswissenschaften. Einen – wie Lobo schreibt – “Niedergang der Blogs”  kann ich nicht feststellen. Es handelt sich vielmehr um eine funktionale Ausdifferenzierung: Für kurze Statusmeldungen eignet sich Facebook, für kurze Linkhinweise Twitter eben besser als ein Blog.

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4 Gedanken zu „Vom Aufstieg und Fall der Blogosphäre?

  1. Darum geht es Lobo in dem Artikel aber auch gar nicht: Ihm geht es um die individuelle Freiheit und die ist nunmal nur bei selbstgehosteten Seiten gegeben. Der Begriff “Blogs” verwirrt hier etwas.
    Nehmen wir dein Blog, nicht selbstgehostet, sondern bei wordpress.com. Die können dir jederzeit den Account dicht machen, wenn du dich nicht an deren Regeln hälst. Du bist damit von einem Anbieter abhängig – und das gilt im Kern für alle Blogportale. Hypotheses kann auch Leute von ihrer Seite schmeißen, wenn die ihnen nicht gefallen. Passiert das, sind nicht nur die Inhalte weg, sondern auch die URL, über die deine Nutzer dich finden.
    Ich hoste selbst und habe dieses Problem nicht. Eigener Webspace, eigene Domain, ich muss mich nicht an irgendwelche Regeln von irgendwelchen Anbietern halten, sondern nur an die geltenden deutschen Gesetze. Ansonsten kann ich machen, was ich will. Wenn mich mein Hoster rausschmeißt, kann ich mir einfach einen neuen suchen und die Domain mitnehmen. Darum geht es Lobo – Freiheit und Unabhängigkeit.

    (außerdem kostet selbsthosten keine 5€ pro Monat und bietet deutlich mehr Freiheiten im Vergleich zu den fremdgehosteten Blogs. Eigene Plugins, eigenes CSS und natürlich auch andere Anwendungen auf der Domain)

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    • Ja, ich weiß. Es ging mir ja auch nicht um eine globale “Lobo-Artikel-Auslegung”, sondern um das zitierte Detail. Wobei ich zustimme: Er hat da grundsätzlich Recht. Ebenso wie du das beschreibst.

      Das wird allerdings, wie ich finde, in seinem Artikel nicht ganz so deutlich: Er setzt “selbstkontrollierte Website” und Blog gleich. Das ist aber nicht. Wie du zu Recht anmerkst: Nicht jedes Blog ist gleich “besser”, im Sinne von freier und selbstbestimmter. Und das gilt eben nicht für Blogs innerhalb von Portalen, sondern nur für die mit eigenem Webspace und eigener Domain.

      Wobei ich das mit Angeboten wie z.B. Hypotheses differenzierter sehe. Hier handelt es sich um eine Redaktion, die versucht durch transparente (“Qualitäts-”) Kriterien Blogs in den Geisteswissenschaften als “wissenschaftliche Werkzeuge” aufzuwerten.

      Auf jeden Fall kann man nicht, wie Lobo das reichlich platt formuliert, Blogs gegen soziale Netzwerke stellen. Klar, Lobo hat eine richtige Kernbotschaft, aber um die schwafelt in weitem Bogen drumrum.

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  2. Offene Standards sind hier das Schlüsselwort: Ein WordPress.com-Blog kann man exportieren und in einem selbstgehosteten importieren, bei anderen Diensten sieht es ähnlich aus. Bei Facebook gibt es da keine Chance.

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    • Deshalb mache ich mir wegen des Blogs hier auch keine Sorgen. Überlege schon länger, vielleicht mal umzuziehen, habe aber den Aufwand bisher gescheut. Das trifft sicher auf viele zu: Der Service bietet mir das, was ich brauche (klar ginge mehr an Plugins etc. aber ich vermisse das zur Zeit nicht) und dazu kommt eine gewisse Bequemlichkeit. Daraus muss man nicht gleich einen großen Freiheitsdiskurs stricken.
      Und im übrigen, also ich mag Facebook nicht, aber wenn ich das richtig verstanden habe, kann ich mir doch auch “alle” erhobenen und registrierten Daten von denen zuschicken lassen, oder? Klar, das ist noch was anderes als ein Export, aber soziale netzwerke sind per se in gewisser weise geschlossene räume, davon leben sie. Wohin sollte ich da auch exportieren, aber ein “Sichern” meiner Daten wäre schon möglich. Also alles in allem ist Lobo da viel zu einfach und undifferenziert. Aber schaut man sich die Resonanz auf den Artikel an, scheint das ja zu funktionieren ;)

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