Die Geschichte, die Gesellschaft und der Unterricht

Letzte Woche war es wieder soweit. Anlässlich des Jahrestags des Mauerbaus ging wieder mal ein Aufschrei durch die Medien über die mangelnden Geschichtskenntnisse der Kinder und Jugendliche. Der Schuldige steht seit längerem fest: Es ist der Schulunterricht. Also schreien die am lautesten, die am wenigsten Ahnung haben und beglücken via Pressemitteilung oder Interview das jeweilige Bundesland oder gleich die ganze Nation mit wohlfeilen Vorschlägen für “besseren” Geschichtsunterricht: Exkursionen zur “Mauer” sollten verpflichtend werden, die DDR früher oder ausführlicher, auf jeden Fall aber anschaulicher behandelt werden usw.

Die Debatte kehrt in dieser oder ähnlicher Form in unregelmäßige Abständen an verschiedenen Jahrestagen wieder. Ein medialer Wiedergänger. Nun kann man die zugrundeliegenden Umfragen, die die vermeintlich schlechten “Geschichtskenntnisse” belegen, angreifen, man kann sich auf die Diskussion einlassen und versuchen eigene Positionen zu einem anderen didaktischen oder methodischen Zugriff einzubringen, z.B. zur Auflösung des chronologischen Durchgangs als Hauptstrukturierungsprinzip des Geschichtsunterrichts. All das führt auf falsche Wege und geht am Kern der Debatte vorbei.

L e r n e n  b r a u c h t  Z e i t – dem sind alle didaktischen und methodischen Überlegungen nachgeordnet. In einem Fach, das teilweise für Schülerinnen und Schüler pro Woche nur ein Mal 45 Minuten lang auftaucht, das in einigen Schulformen bis zur 10. Klasse gar nicht mehr als eigenständiges Fach vorhanden ist, daher fachfremd unterrichtet wird und das in einigen Bundesländern zudem in der Oberstufe abwählbar ist, darf niemand Wunder erwarten. Geschichte gehört zu den Fächern, das zugunsten anderer Fächer in den letzten Jahrzehnten Stunden und Profil verloren hat. Damit geht natürlich auch ein Verlust an Stellenwert innerhalb des schulischen Fächerkanons einher. Angesichts der wiederkehrenden Klagen stellt sich die Frage, wie wichtig ist uns “Geschichte” und ihre “Vermittlung”?

Wenn eine Gesellschaft der Meinung ist, dass die historischen Kenntnisse und Fähigkeiten der Kinder und Jugendliche nicht ausreichen, dann muss sie eine Anstrengung unternehmen, um die entsprechenden Ressourcen zur Verfügung stellen. Ressourcen heißt konkret: Mehr Unterrichtsstunden und damit in der Folge natürlich auch die notwendige Einstellung von gut ausgebildeten Geschichtslehrkräften. Dafür sollten alle Beteiligten und besonders die Fachverbände kämpfen und sich nicht in Diskussionen  auf Nebenschauplätzen verstricken lassen.

Dabei ist klar, nur ein “mehr” ist noch lange kein “besser”, aber ohne ausreichenden zeitlichen Rahmen muss jede andere Bemühung vergeblich bleiben.

App in die Geschichte – Trailer auf youtube

Im Rahmen der Aktion Tagwerk haben Schülerinnen und Schüler einer 10. Klasse am Eichendorff-Gymnasium einen kurzen Film zur GeschichtsApp erstellt. Die meiste Arbeit hat dabei Jannis Both geleistet, auf dessen Youtube-Kanal der Film aktuell zu sehen ist.

Interview zu TwHistory-Projekten

Im Rahmen eines Didaktikseminars an der Universität zu Köln war auch “Twitter im Geschichtsunterricht” Thema. Für die Ausarbeitung im Rahmen einer Hausarbeit hatte der Student, Malte Knapp, mir einige Fragen zu den durchgeführten TwHistory-Projekten geschickt, die ich gerne beantwortet habe. Da es offenkundig zugleich ein vergleichsweise großes Interesse an diesen Projekten und einige unklare Vorstellungen über Aufbau, Ablauf und Ziele dieser Projekte gibt, entstand die Idee, das Interview auch hier im Blog zu veröffentlichen. Herr Knapp war dann so nett, das im Rahmen seiner Seminararbeit entstandene Interview auch für die Veröffentlichung hier im Blog freizugeben.


1) Wie war die Mitarbeit von Schülerinnen und Schülern beim „Paulskirchenprojekt“? Waren die Schülerinnen und Schüler motiviert und gab es Ablenkung durch die Arbeit mit Twitter?

Das Paulskirchenprojekt war das erste TwHistory-Projekt, das ich durchgeführt habe. Das war 2009, da war Twitter noch vergleichweise unbekannt, tauchte aber zunehmend in den Fernseh- und Zeitungsnachrichten auf im Zusammenhang mit der „grünen Revolution“ im Iran.

Die Planung des Projekts war sehr lehrerzentriert mit wenig Wahlmöglichkeiten oder kreativen Spielräumen für die Schülerinnen und Schüler. Nichtsdestotrotz ist das Projekt gut angenommen worden. Wichtig war die gemeinsame Reflexion am Ende, die dann in die Planung und Durchführung eines zweiten TwHistory-Projekts mit einer anderen Lerngruppe eingeflossen ist.

Positiv beim Paulskirchenprojekt war für die Schülerinnen und Schüler das Arbeiten mit Computer und Internet, das Kennenlernen von Twitter und die Projektform selbstständigen Arbeitens. Kritisiert wurden vor allem die Länge der Rede-Texte (die dann in Tweets übersetzt werden mussten) sowie die in der Dauer des Projekts Gleichförmigkeit der Arbeit (Reden lesen, verstehen, in Tweets zusammenfassen). Bemängelt wurde auch, dass aufgrund des personalisierten Zugangs über historische Personen am Ende ein Gesamtüberblick über das Thema fehlte.

Beim zweiten TwHistory-Projekt (http://kulturcrash.wordpress.com/) war die Herangehensweise eine andere. Das Projekt fand in der Einführungsphase eines Geschichtsleistungskurses statt und diente der Heranführung an die Denk- und Arbeitsweisen des Fachs. Die Schülerinnen und Schüler haben dabei zunächst das historische Thema selbst gewählt. Zeitgeschichtliche Themen lassen sich auf Twitter besser umsetzen, aber ausschlaggebend war das Interesse der Lerngruppe. Meine Rolle war als Lehrkraft war die eines Lernberaters. Entsprechend habe ich vor der Themenauswahl auch darauf hingewiesen, dass es bei der Umsetzung Probleme mit der Quellengrundlage geben könnte.

Die Motivation im Projekt war sehr hoch. Die Rückmeldungen positiv. Eingebunden in die Projektarbeit war u.a. auch die Nutzung der Schulbibliothek, einer wissenschaftlichen Bibliothek vor Ort sowie eine Einführung in das Bibliographieren und richtige Zitieren.

Ablenkung durch Twitter gab es übrigens weder im ersten noch im zweiten Projekt. Wie ein Schulheft oder Plakat diente Twitter zur Darstellung und Sicherung der Arbeitsergebnisse.

2) Wie lassen sich Ihre Projekte zeitlich mit dem Schulalltag vereinbaren?

Der Lehrplan lässt ausreichend Zeit, Schwerpunkte zu setzen. Dies ist inhaltlich wie methodisch möglich. Zu Beginn des Leistungskurses ist in Rheinland-Pfalz im Lehrplan zudem ein Projekt als Einstieg explizit vorgeschlagen. Projekte lassen sich grundsätzlich natürlich in vier Stunden pro Woche im Leistungskurs besser umsetzen als bei zwei Stunden Unterricht pro Woche im Grundkurs oder in der Mittelstufe, da sich dann ein Projekt oft über sehr lange Zeiträume hinzieht, die in der Regel immer irgendwann das Interesse und die Motivation erlahmen lassen. Entsprechend ist es wichtig bei der Vorbereitung eines Projekts die Rahmenbedingungen mit zu berücksichtigen und ggf. in angemessen kleinerem Umfang zu planen.

3) Im Didaktik Seminar an der Universität zu Köln diskutierten wir im Anschluss an mein Referat Vor – und Nachteile von TwHistory Projekten. Vereinzelt hörte ich den Satz von Kommilitonen „ schon wieder ein Versuch von Lehrern, irgendwas mit Medien zu machen“. Wenn Sie sich kritisch über TwHistory Projekten äußern müssten, wo sähen sie Schwierigkeiten und Probleme dieser Projekte?

Es geht nicht um Twitter und auch nicht darum „irgendwas mit Medien“ zu machen. Der Medieneinsatz muss didaktisch und methodisch sinnvoll und zielführend sein. Ich denke, das leisten TwHistory-Projekte. In anderen Projekten und in anderen Lerngruppen haben wir auch mit Blogs, Social Bookmarking, Videos usw. gearbeitet. Schulhefte, Tafel, Plakate, Schulbücher sind etablierte „Medien“ des Geschichtsunterrichts. Sie können aber erweitert werden.

Twitter diente bei beiden Projekten zur Darstellung von Geschichte. Dabei bedingt Twitter als Medium eigene Darstellungsbedingungen – wie andere Formen wie z.B. Film, Dialog im Heft schreiben, Essay, Plakat übrigens auch. Diese Bedingungen des Mediums gilt es zu reflektieren und eine medienadäquate eigene Darstellung zu produzieren. Dies gilt grundsätzlich. Twitter bietet eine mögliche Alternative eine historische Narration zu erstellen, die besonders geeignet scheint für personalisierte Zugänge zur Geschichte sowie um Interaktionen historischer Personen deutlich zu machen. Dies lässt sich z.B. auf einem Plakat in dieser Weise nicht so gut abbilden.

Auf diese Weise, über die Integration digitaler Medien, kann der Geschichtsunterricht über das Fachliche hinaus einen wichtigen Beitrag innerhalb des schulischen Fächerkanons zur allgemeinen Medienbildung und zur Ausbildung einer kritischen Medienkompetenz leisten.

Nach dem Paulskirchenprojekt war den Schülerinnen und Schülern Twitter und dessen Funktionsweise bekannt. Sie waren damit in der Lage die damals aktuellen Nachrichten über den Iran mit den Hinweisen auf die Nutzung und Vernetzung über „dieses Twitter“ besser zu verstehen.

4) Wenn Schülerinnen und Schüler von Geschichte sprechen, meinen Sie häufig das, was in der Vergangenheit passiert ist. Wie im Didaktik Seminar kritisch hervorgehoben wurde, ist Geschichte jedoch nicht gleich Vergangenheit. Sie ist nur ein Teil davon, an den wir zurückdenken oder erinnert werden. Wie sehen Sie diesen Einwand in Bezug auf TwHistory Projekte?

In den Projekten mussten die Schülerinnen und Schüler an die Quellen zum jeweiligen Thema und eine eigenständige Darstellung erarbeiten (neben den Tweets auch die Biographie ihrer Person auf den begleitenden Blogs). Dass Geschichte nicht Vergangenheit ist, sondern nur eine entsprechende Auswahl, dessen was bis heute überliefert und erinnert wird, lernen die Schülerinnen und Schüler in meinen Kursen explizit spätestens zu Beginn der Oberstufe.

Gerade das Projekt zur Eroberung Mexikos war in dieser Hinsicht hilfreich, weil hier für zentrale Fragen der Schülerinnen und Schüler, für das, was sie teilweise erzählen wollten, gar keine Quellen überliefert sind. Das war durchaus frustrierend, weil sie auch um so gründlicher recherchieren mussten. Die Reflexion in der Gruppe darüber und die daraus gewonnene Erkenntnis über „Geschichte“ war jedoch grundlegend und wertvoll für die weitere Arbeit im Leistungskurs wie auch darüber hinaus. Das ist sicher etwas, was den Schülerinnen und Schüler aus dem Projekt langfristig „hängengeblieben“ ist. Daraus lässt sich aus Lehrersicht auch die Erkenntnis formulieren, dass in diesen Projekten der Arbeits- und Lernprozess wichtiger ist als das (öffentlich einsehbare) Endprodukt.

Für den Unterricht darüber hinaus übrigens überaus interessant und gewinnbringend ist die notwendig im Rahmen eines solchen Projekts zu führende Diskussion, inwieweit die Tweets quellengetreu (Was bedeutet das genau für die Arbeit? Nur Zitate? Sind Kürzungen erlaubt? Ist eine Zusammenfassung mit eigenen Worten noch in Ordnung?) oder auch nachempfunden fiktiv (i.S. einer Perspektivübernahme wie beim Schreiben eines Tagebucheintrags oder eines Briefs aus der Sicht einer historischen Person im Unterricht) sein können, dürfen oder sogar müssen. Es geht also um Grundfragen von Geschichtsdarstellungen, die dann auch z.B. auf historische Spielfilme oder Romane übertragen werden können.

5) Wie sehen Sie die Zukunft von TwHistory Projekten in deutschen Klassenzimmern? Sind TwHistory-Projekte eine Modeerscheinung oder wird mit ihnen auch noch in 10 Jahren im Geschichtsunterricht gearbeitet werden?

Das hängt sicher von der weiteren Entwicklung von Twitter ab. Wobei Twitter selbst meines Erachtens, wie oben dargelegt, nebensächlich ist. Für meinen Unterricht habe ich mit dem Kulturcrash-Projekt ein Modell für Projektarbeit mit Twitter im Oberstufenunterricht gefunden, das ich als methodische Alternative immer wieder einmal einsetzen werde.

Interessanterweise haben die Twhistory-Projekte ein vergleichsweise großes mediales Interesse gefunden (siehe z.B. Zeit, DRadio Wissen, Hyperland/ZDF), die Reaktionen von Geschichtslehrkräften tendieren hingegen gegen Null. Mir sind auch keine weiteren Twhistory-Projekte an anderen Schulen im deutschsprachigen Raum bekannt.

Es scheint also kein für die Kolleginnen und Kollegen interessantes oder umsetzbares Unterrichtsmodell zu sein. Das ist schade, weil ich durchaus ein Potential für den Geschichtsunterricht sehe. Es ist aber nicht dramatisch, letztlich sind TwHistory-Projekte nur eine mögliche methodische Alternative mit einem vielleicht zur Zeit noch etwas ungewöhnlichen Lernprodukt.

6) In Ihrem Blog verweisen Sie im Artikel „Twitter-Geschichtsprojekte“, der am 24. November 2011 veröffentlicht wurde, auf Jan Hodel, der sich kritisch über das Projekt RealTimeWWII äußerte. Wie stehen Sie zu dem Projekt des englischen Historikers?

Im Gegensatz zu den Twhistory-Projekten gibt es hier nur einen Account, der vermischt „Informationen“ an den jeweiligen Jahrestagen veröffentlicht, ohne dass Perspektive oder Quellengrundlage klar wäre. Ich kann verstehen, dass der Account viele Follower hat, ähnlich wie die zahlreichen Accounts mit dekontextualisierten historischen Bildern; aus geschichtsdidaktischer und geschichtswissenschaftlicher Sicht sind diese Angebote jedoch überaus kritisch zu sehen. Das Potential, das Twitter bietet, z.B. für eine multiperspektivische Darstellung, wird zudem nicht genutzt.

7) Das Projekt „Heute vor 75 Jahren – @9Nov38“ erhielt in deutschen Medien viele positive Bewertungen. Der Münchener Geschichtsprofessor Wessel sagte jedoch: “Wenn mit dem Projekt ein Bildungsanspruch verbunden ist, müssen die Tweets auch in den Kontext eingeordnet werden. Dafür seien 140 Zeichen in einem Tweet meist zu wenig. Für ein Geschichtsverständnis, das den Kontext umfassen und einordnen soll, sind andere Formen wie Aufsätze und Bücher sicherlich geeigneter.” Wie sehen Sie das Projekt und die Aussage von Herrn Wessel?

Wer nur die Tweets wahrnimmt, hat das Projekt nicht richtig erfasst. In einem begleitenden Blog wurden die Tweets kontextualisiert, die Quellengrundlage offengelegt und die Projektarbeit reflektiert. Das hat für mich auch die besondere Qualität des Projekts ausgemacht.

Gleiches gilt meines Erachtens auch für Schulprojekte. Nur ein paar Tweets mit historischem Bezug zu schreiben und zu veröffentlichen, macht noch kein Twhistory-Projekt. Bei den durchgeführten Projekten ist das zum Teil durch die begleitenden Blogs erfolgt, wobei ein Teil der Dokumentation, z.B. über Literaturangaben zu verwendeten Internetseiten und Büchern, nur von mir eingefordert und gesichtet, nicht aber veröffentlicht worden ist.

8) Gibt es Ihrer Meinung nach ein Buch oder einen Aufsatz, der unverzichtbar ist, wenn man über TwHistory-Projekte schreiben möchte?

Zu Twhistory-Projekten gibt es bislang nicht viel. Bester Ausgangspunkt ist vermutlich weiterhin die Seite http://twhistory.org/, von deren Macher die Idee und der Name stand. Dazu gibt es die Darstellungen und Diskussionen in den bereits referierten Blogs. Soweit ich das überblicke wird es nächstes Jahr dazu wissenschaftliche Publikationen geben, u.a. die Ausarbeitung eines Vortrags von Sandra Aßmann und Bardo Herzig auf der Tagung #gld14 (http://dwgd.hypotheses.org/gld14), die sich aus mediendidaktischer Sicht mit dem Ansatz beschäftigt haben.

Die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg in Deutschland und Frankreich – Teil 6: Von den 1970er Jahren bis 2009

Europawahlplakat der CDU 1989. Quelle: KAS/ACDP 10-030 : 226. CC-BY-SA 3.0 DE.

Europawahlplakat der CDU 1989. Quelle: KAS/ACDP 10-030 : 226. CC-BY-SA 3.0 DE. Das zitierte Plakat des PS stammt aus demselben Wahlkampf und ist nur ein paar Tage älter. Informationen dazu finden sich hier: http://bit.ly/1l3GIlE

In den 1970er und 1980er Jahre ließ das Interesse am Ersten Weltkrieg in Deutschland wie in Frankreich zunächst nach. Allerdings entfaltete speziell Verdun eine ungeheure Symbolkraft im Prozess der deutsch-französischen Aussöhnung. Andere Orte, wie z.B. Reims, wurden zurückgedrängt, Verdun als Symbol herausgegriffen und ist im kollektiven Gedächtnis erhalten geblieben. Dazu beigetragen hat das vielen Schulgeschichtsbüchern abgedruckte und auch sonst vielfach reproduzierte Foto vom Zusammentreffen Kohls und Mitterands in Verdun am 22.9.1984.

Auffällig ist zunächst das Datum: Es handelt sich um keinen symbolträchtigen Tag, weder Jubiläum noch Jahrestag. Vielmehr steckte hinter Wahl von Ort und Geste für ein solches Foto ein politisches Kalkül und taktisches Schachern um die symbolische Politik. Helmut Kohl hatte auf Teilnahme zu den Feierlichkeiten in Erinnerung an den D-Day gedrängt, der sich am 6. Juni 1984 zum 40. Mal jährte. Dieses wurden wiederum von französischer Seite abgelehnt und Verdun als Ort eines Treffens eigentlich nur als “Ersatz” bzw. Kompromiss angeboten.

Die fotografische festgehaltene Geste des Händereichens war eingebettet in straffes Programm ritualisierten Gedenkens von Kranzniederlegungen, Schweigeminute, Nationalhymnen und Baumpflanzen. Während das Foto zur Ikone geworden ist und in vielen Geschichtsbüchern zur symbolischen Illustration der deutsch-französischen Freundschaft und Versöhnung verwendet wird, gab es 1984 von den Zeitgenossen neben viel Anerkennung (siehe z..B. in Spiegel und Zeit) zum Teil deutliche Kritik an dem durchschaubaren Kuhhandel mit Symbolik, an der geplanten und demonstrativen “Ergriffenheit”, die als nicht spontan und damit als nicht authentisch, sondern als reine Inszenierung kritisiert wurde.

Die Kritik scheint heute vergessen und verstummt: die symbolträchtige Inszenierung ist den beiden Staatsmännern gelungen, ohne dass sich abschließend feststellen ließe, ob das Ergreifen der Hand verabredet oder spontan war. Zum 25. Jahrestag 2009 wurde medial vielfach an das Ereignis erinnert (z.B. FAZ, WDR, AA/Ministère des Affaires Etrangères) und in Douaumont findet sich eine entsprechende Gedenkplatte.

Für die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg folgen nun Jahre, die geprägt waren, vom allmählichen Aussterben der Augenzeugengeneration. Erst mit dem parallel verlaufenden Übergang vom kommunikativen ins kulturelle Gedächtnis in den 1990er Jahren entstand wieder ein erneutes Interesse von Wissenschaft und Medien, in deren Rahmen z.B. auch die Einrichtung des Historial in Péronne fällt.

Es folgte ein erster Weltkriegs-“Boom” rund um den 90. Jahrestag des Kriegsbeginns 2004 mit neuen Formen der Medialisierung und zahlreichen Zeugnissen der populären Erinnerungskultur: Romane, Fernsehserien, Comics, , Computerspiele, TV- und Kino-Filme. Als Beispiele für letzteres seien “Mathilde, eine große Liebe/Un long dimanche de fiançailles” von 2004 (u.a. mit Audrey Tautou) und “Merry Christmas/Joyeux Noel” von 2005 (u.a. mit Daniel Brühl) genannt.

In Frankreich starb mit Lazare Ponticelli der letzte poilu 2008 im Alter von 110 Jahren gestorben. Auf Anregung des damaligen Staatspräsidenten Jacques Chirac gab es für den letzten Helden des großen Krieges ein Staatsbegräbnis (Foto). In Deutschland starb der letzte Frontsoldat, Erich Kästner im Alter von 107 Jahren, gleichfalls 2008, ein paar Wochen früher, weitgehend unbemerkt (Todesanzeige).

Zypern: 40 Jahre Teilung, 10 Jahre EU-Beitritt des Südens

Auch wenn sich bei Zypern nur schlecht von “mitten in Europa” sprechen lässt, liegt es geographisch doch eher am Rand, so sei an dieser Stelle zum Jahrestag der türkischen Invasion daran erinnert, dass es innerhalb der EU weiterhin ein geteiltes Land mit geteilter Hauptstadt und einem Sperrgebiet inklusive UN-Blauhelm-Soldaten gibt. Das Zypern-Problem war mir bis zu einem Urlaub auf der Insel vor ein paar Monaten nicht präsent. Es scheint gerade im “Mega-Gedenkjahr” 2014 und angesichts der aktuellen Konflikte in Nahost und der Ukraine auch sonst weitgehend vergessen.

Der Besuch vor Ort hat bei mir allerdings einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Die Fotos zeigen die geteilte Hauptstadt, den Absperrungen der “Pufferzone” und die “Geisterstadt” Varosia, die damals einer der modernsten Ferienorte war, seit 40 Jahren im Sperrgebiet liegt und langsam verfällt und dadurch paradoxerweise wieder zur Touristenattraktion wird.

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Der Norden hat sich als Türkische Republik Zypern 1983 unabhängig erklärt, wird aber nur von der Türkei anerkannt, die weiterhin Zehntausende von Soldaten im Norden stationiert hat. Der EU-Beitrittskandidat Türkei ist also zugleich Besatzungsmacht. Nur der Süden ist international anerkannt und trotz des ungelösten Teilungsproblems seit 2004 EU-Mitglied. Auch wenn die Nichtanerkennung und Begriffe wie Besatzungsmacht eine eindeutige Schuldzuweisung nahelegen, ist der Konflikt historisch komplexer. Das Instrumentalisieren und Ausspielen der beiden ursprünglich gemischt siedelnden Volksgruppen geht mindestens auf die Zeit der britischen Kolonialherrschaft zurück.

Die Invasion erfolgte aus türkischer Sicht, um die türkischsprachige Minderheit zu schützen, nachdem es langjährige zunehmend aggressive Konflikte auf der Insel gegeben hatte und eine Annexion ganz Zyperns durch die Militärjunta in Athen befürchtet wurde. Beide Nato-Mitglieder Türkei und Griechenland befanden sich 1974 am Rande eines Kriegs, der nur durch internationale Vermittlung vermieden werden konnte. Die Trennungslinie von vor 40 Jahren existiert auch heute noch. Die Militärjunta in Griechenland stürzte über den Konflikt auf Zypern, was den Weg erst frei machte für Beitrittsverhandlungen Griechenlands mit der EU, die 1976 begannen und zum Beitritt Griechenlands 1981 führten.

Zur Einführung in Geschichte und Gegenwart Zyperns eignet sich gut das Heft aus Politik und Zeitgeschichte von 2009, das auf den Seiten der BpB gelesen und auch als PDF heruntergeladen werden kann. Einführend mit einem guten, wenn auch kurzen historischen Überblick lässt sich auch die leider schon ältere Folge der Arte-Sendung “Mit offenen Karten” anschauen:

Zum Jahrestag gibt es bei der ARD einen Überblickbericht, der auch downloadbar ist sowie einen Podcast des Deutschlandfunks. Einen Blick in die “Geisterstadt” Varsosia bei Famagusta bietet aktuell der kurze Beitrag von Euronews, der zum Jahrestag auch die Zukunftsperspektiven der geteilten Insel anreißt. Al Jazeera hat zum Jahrestag eine Umfrage in Zypern zur Einschätzung der politischen Zukunft der Insel durchgeführt. Die Antworten auf die Fragen 2 und 4 können vergleichend auch gut zum Einstieg in das Thema im Geschichts- oder Politikunterricht benutzt werden.

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Die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg in Deutschland und Frankreich – Teil 5: 50 Jahre Erster Weltkrieg 1964-1968

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Denkmal am Ortseingang von Koblenz-Arzheim

[Zurück zu Teil 4]

Für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg beschränkt sich der Vergleich auf Frankreich und Westdeutschland. Eine Einbeziehung der DDR wäre sehr spannend, ist aber im zeitlichen Rahmen dieses Vortrags nicht zu leisten.

In Deutschland waren zunächst waren in der Regel wie in Frankreich die Kriegerdenkmäler zum Ersten Weltkrieg um Platten und Inschriften ergänzt worden, die in ungebrochenem Heldengedenken die Namen der Gefallenen des Ortes aus dem Zweiten Weltkrieg auflisten. In Deutschland gedachte man nun den Toten beider Weltkriege. Kirchengemeinden, Vereine und Nachbarschaften versammelten sich am Volkstrauertag oder anderen Feiertagen und Jubiläen zum Gottesdienst mit anschließendem Gedenken am Kriegerdenkmal. Auszug aus der Chronik der Freiwilligen Feuerwehr Koblenz Arzheim:

“[...] Nach Kriegsende bekam die Wehr neue Ausrüstung: eine neue Spritze und viele Meter Schlauchleitung. Oberführer Johann Staudt berief am 31. Mai 1947 eine Versammlung ein; er gedachte der Gefallenen des 2. Weltkrieges und dankte den Aktiven für die in den letzten harten Jahren geleistete Arbeit. [...]  Ihr 50jähriges Bestehen feierte die Freiwillige Feuerwehr Arzheim vom 10. bis 11. Mai 1958. Das Fest begann mit einem Commers im Vereinslokal Ufer unter Mitwirkung der Arzheimer Ortsvereine. [...] Der Sonntag begann mit einem gemeinsamen Kirchgang der Wehr mit anschließender Gefallenenehrung am Kriegerdenkmal [...]” (Zitat).

Messe in der Kathedrale von Reims mit de Gaulle und Bundeskanzler Adenauer

Messe in der Kathedrale von Reims mit de Gaulle und Bundeskanzler Adenauer am 8. Juli 1962

Die 1960er Jahre brachten dann zunächst auf staatlicher Ebene die freundschaftliche Annäherung von Deutschland und Frankreich: “Beim Empfang von Konrad Adenauer in Reims im Juli 1962 wurde der Erste Weltkrieg zwar nicht ausdrücklich erwähnt, die Erinnerung daran war dennoch gegenwärtig. Insbesondere die Kathedrale von Reims, in der die Freundschaftsmesse gefeiert wurde, ließ ihrer Zerstörung durch deutsche Kanonen im Jahr 1914 gedenken. Auch die nahen Schlachtfelder in der Champagne erinnerten an den blutigen Konflikt”. (Zitat) So wurde zunächst Reims zu einem Symbol der deutsch-französischen Aussöhnung (siehe auch diese Karikatur).

1964 stand für Deutschland wie 2014 ein doppelter Jahrestag an: der 50. Jahrestag des Beginns und der 25. des Zweiten Weltkriegs. Im Oktober des Jahres fand der Historikertag in Berlin statt, der medial stark rezipiert wurde. Ein zentrales Thema war die Fischer-Kontroverse. Diese war zwar 1963 bereits nach heftigen Debatten in den beiden Jahren zuvor wissenschaftlich wieder abgeebbt, wurde jetzt aber durch die Medien wiederbelebt, vor allem im Rundfunk und in Wochenzeitungen. Dabei ist besonders die Rolle des Spiegel herovrzuheben, der die ersten Kapitel aus Fischers Buch “Griff nach der Weltmacht”, das bereits 1961 erschienen war, 1964 nachdruckte und die Debatte in einer Vielzahl von Artikeln aufgriff (siehe z.B. die Ausgaben 11/1964 oder 43/1964; zur Fischer-Kontroverse in den Medien siehe PDF).

Bei der Diskussion über Fischers Thesen lässt sich in den 1960er Jahren eine klare Spaltung in rechte und linke Positionen feststellen. Fischer wurde vor allem von Linken verteidigt, während er von der Rechten in Presse und Wissenschaft scharf angegangen wurde. Wie schon unmittelbar nach dem 1. Weltkrieg lag der Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit wiederum auf dem Kriegsbeginn und Kriegsschuldfrage, die sich zum Fixpunkt der Debatte in der deutschen Öffentlichkeit entwickelt – im Gegensatz z.B. zu Frankreich. Die unterschiedliche Aufnahme und Reaktion zu Clarks “Schlafwandler” in diesem Jahr ist also wenig überraschend, wenn man die Vorgeschichte betrachtet.

Eine Spaltung gab es allerdings nicht nur zwischen links und rechts, sondern auch zwischen den Generationen. Massiv abgelehnt wurden Fischers Thesen durch “Frontgeneration”, die den 1. Weltkrieg als aktive Soldaten erlebt hatten, während die Nachgeborenen Fischer eher unterstützten. Diese generationelle Spaltung richtet den Blick auch auf eine weitere in diesem Zusammenhang interessante Frage, nämlich der nach Kontinuitäten in der deutschen Geschichte, wobei anzumerken ist, dass eine Kritik an der traditierten nationalen Geschichtserzählung nicht erst 1968 begann, sondern schon einige Jahre früher. Die Fischer-Kontroverse spielte dabei eine zentrale Rolle.

Bundeskanzler Erhard empfängt den französischen Präsidenten de Gaulle in Bonn, 3.7.1964

Bundeskanzler Erhard empfängt den französischen Präsidenten de Gaulle in Bonn, 3.7.1964

1964 gab es in Berlin ein großes Deutsch-Französisches Jugend-Zeltlager mit je 250 Deutschen undFranzosen über die Tage des Kriegsbeginns hinweg. Verständigung und Freundschaft im Vordergrund. Die UfA-Wochenschau berichtete darüber. Bereits am 31.7. hatte Bundeskanzler Erhard eine Rede zum 50. Jahrestags des Kriegsbeginns gehalten: Auch er betonte die Schaffung von Frieden, dass Krieg kein Mittel zur Lösung von Konflikten, sondern dies nur durch die Beseitigung von Ursachen bestehender Konflikte geschehen könne (der vollständige Redetext als PDF).

Zwar gab es in diesem Jahr auch Treffen des Bundeskanzlers Ludwig Erhard mit dem französischem Staatspräsidenten Charles de Gaulle, beide übrigens selbst Veteranen des Ersten Weltkriegs, aber keine gemeinsame Erinnerungsveranstaltung an den Ersten Weltkrieg.

In Frankreich lagen die Akzente der nationalen Erinnerung 1964 ein wenig anders als heute: Das Gedenken an den Ersten Weltkrieg hatte seinen festen, ritualisierten Platz im Jahreszyklus und so wurde neben dem Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkriegs vor allem dem 20. Jahrestag der “Libération” 1944 gedacht. Die Gedenkfeiern wurden zentral koordiniert, der Ton war ernst und würdevoll. Speziell zum Ersten Weltkrieg gab es auf nationaler Ebene aber nur zwei größere Ereignisse: De Gaulle hielt am 2. August eine Rede, die an die Mobilmachung der Franzosen erinnerte und begab sich im September für einen Tag auf die ehemaligen Schlachtfelder an der Marne. Das Gedenken an das Ende des Ersten Weltkriegs vier Jahre später war – gerade im Vergleich zu heute – gleichfalls wenig umfangreich.

5. Bloggeburtstag

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Am 12. Juli 2009, also morgen vor fünf Jahren, habe ich dieses Blog eröffnet und den ersten Beitrag geschrieben. Geburtstage und Jahrestage sind immer ein Anlass, um zurückzuschauen, Bilanz zu ziehen, Statistiken zu wälzen. Statistiken liefert einem WordPress jede Menge. Ein kleiner Auszug als Blick hinter die Kulissen:

Dieser Beitrag ist (zufällig genau) der 600. in diesem Blog, d.h. ca. 120 Beiträge pro Jahr oder anders formuliert alle drei Tage ein Beitrag. Seit 2009 gab es insgesamt mehr als 200.000 Zugriffe. Akismet hat dieses Blog vor bislang 14.907 Spam-Kommentaren bewahrt. Zugelassene und freigeschaltete Kommentare finden sich 823. Die am meisten angeklickten Beiträge über die ganzen fünf Jahre sind:

Unterrichtseinheit: Karl der Große – Teil 1
Unterrichtseinheit: Karl der Große – Teil 2
Ist die Erde rund? Über den Wandel des Weltbildes
Bismarcks Bündnissystem
Asterix und die Heeresreform des Marius
Der Teppich von Bayeux als Animationsvideo
ZDF-Serie “Die Deutschen” im Geschichtsunterricht?

Aus meiner Sicht sind das nicht die besten Beiträge. Die Liste zeigt meines Erachtens vielmehr: Gesucht werden online Unterrichtsmaterialien. Didaktische und methodische Fragen und Diskussionen werden weit weniger gelesen. Bei der Frequenz der Kommentare ist es genau umgekehrt. Eine Schlussfolgerung könnte sein: Wer viele Besucher und Zugriffe haben will, sollte Unterrichtsmaterialien veröffentlichen.

Kuriosum am Rande: Der in der Statistik von WordPress noch aufgeführte Artikel mit dem kleinsten Aufrufzahl verweist übrigens auf den Entwurf des neuen Geschichtslehrplans für die Sekundarstufe I in Rheinland-Pfalz und den Aufruf des Geschichtslehrerverbandes diesen zu diskutieren. Der Beitrag ist zugegebenermaßen nur eine schnöde Verlinkung, der Entwurf wäre meines Erachtens aber in der Tat diskussionswürdig.

Als ich mit diesem Blog angefangen habe, gab es schon einige “Edu”-Blogs, deren Zahl allerdings noch überschaubar waren (siehe die schöne, chronologische Übersicht zu Lehrerblogs im Zum-Wiki). Deutschsprachige Blogs zu Geschichte und Geschichtsunterricht waren noch mehr oder weniger an zwei Händen abzählbar. Die Geschichtsblogosphäre hat sich seitdem gewandelt. Blogs, wie die von Alexander König, die mich zum Bloggen gebracht haben, stehen still, einige sind ganz abgeschaltet, andere sind hinzu gekommen, in den wenigsten wird regelmäßig geschrieben. Die zum Teil aufgeregten Debatten der ersten Jahre gehören der Vergangenheit an. Wie Christoph Pallaske vor kurzem zu Recht auf Twitter feststellte, ist es ruhig geworden in der Geschichtsblogosphäre.

Ist das zu bedauern? Ein wenig melancholisch ist mir beim Schreiben schon zumute. Andererseits kann man mit Recht heute schreiben: Der “digitale Wandel” ist als Thema in der Geschichtsdidaktik angekommen. Es gibt Tagungen, die sich dem Thema widmen (München, Salzburg, Köln), eine Arbeitsgemeinschaft in der KGD, die sich des Themas angenommen hat. Entsprechende Beiträge fehlen auch nur noch selten bei anderen Tagungen und Publikationen, die keinen expliziten Schwerpunkt “Digitales” ausweisen.

Die Akzeptanz von Blogs wurde deutlich erhöht wesentlich durch das Blogportal hypotheses. Michael Schmalenstroer hat mit Planet History einen “Blog-Aggregator” eingerichtet, der alle Beiträge aus “Geschichtsblogs” bündelt. Allein für den deutschsprachigen Raum werden dort zur Zeit über 180 (!) Blog mit Geschichtsbezug gelistet.

Auch die Geschichtsdidaktik hat mit Public History Weekly ein redaktionell betreutes und von mehreren Autoren gefülltes Blogjournal, dem es gelungen ist, die universitäre Geschichtsdidaktik zur Publikation und Diskussion von Miszellen im Netz zu bringen. Keine geringe Leistung. Und dort wird diskutiert. Dass die Beiträge und Kommentare darüber hinaus auch von Wissenschaftlern der Nachbardisziplinen kommen, bereichert das Projekt und ist der aktiven Arbeit der Redaktion zu verdanken.

Die Themen und Diskussionen sind also nicht weniger geworden, sie haben sich verlagert. Die “wilden Zeiten” sind vorbei. Blogs haben ihre Unschuld schon lange verloren. Sie sind als Marketing-Instrument entdeckt worden und es gibt mehr als einen, der, wenn auch selbst nicht in Blogs oder sozialen Netzwerken aktiv, peinlich genau darüber wacht, was über ihn und sein Schaffen dort geschrieben wird. Was insgesamt sich beobachten lässt, ist eine Normalisierung und Institutionalisierung der Diskussion über das so lange erst unbekannte und dann fremde Digitalistan. Damit ist ein Thema etabliert, dass von vielen vor wenigen Jahren, von einigen allerdings auch bis heute, nicht als solches wahrgenommen wurde.

Auch wenn es in den einzelnen Blogs zu Geschichtsdidaktik und -unterricht sehr ruhig geworden ist, fällt der Blick in die Zukunft also positiv aus. Wichtige Debatten wurden angestoßen und werden uns auch zukünftig beschäftigen, z.B. über den Medienbegriff in Geschichtsdidaktik und -unterricht (siehe zuletzt den Beitrag von Christoph Pallaske bezeichnenderweise nicht in seinem Blog, sondern auf PH Weekly veröffentlicht).

Zu dieser speziellen Debatte abschließend noch ein Gedanke: Nach meinem Eindruck ist übrigens an der Frage nach dem “Medienbegriff” wenig Fachspezifisches, sieht man mal von dem Unterschied von Quellen und Darstellungen ab. Einen spezifisch geschichtsdidaktischen Medienbegriff kann es eigentlich nicht geben. Daher ist die Frage für alle Fächer und Schule insgesamt relevant. Ein Blick über den Tellerrand wäre interessant, ob in den anderen Fachwissenschaften oder der allgemeinen Erziehungswissenschaft überhaupt schon erkannt ist, dass es ein Problem gibt mit dem verbreiteten schulischen Medienbegriff. Ich könnte mir gut vorstellen, dass die Geschichtsdiaktik zwar noch disktuiert, aber doch schon einen guten Schritt weiter ist als andere Fachdidaktiken….