Zypern: 40 Jahre Teilung, 10 Jahre EU-Beitritt des Südens

Auch wenn sich bei Zypern nur schlecht von “mitten in Europa” sprechen lässt, liegt es geographisch doch eher am Rand, so sei an dieser Stelle zum Jahrestag der türkischen Invasion daran erinnert, dass es innerhalb der EU weiterhin ein geteiltes Land mit geteilter Hauptstadt und einem Sperrgebiet inklusive UN-Blauhelm-Soldaten gibt. Das Zypern-Problem war mir bis zu einem Urlaub auf der Insel vor ein paar Monaten nicht präsent. Es scheint gerade im “Mega-Gedenkjahr” 2014 und angesichts der aktuellen Konflikte in Nahost und der Ukraine auch sonst weitgehend vergessen.

Der Besuch vor Ort hat bei mir allerdings einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Die Fotos zeigen die geteilte Hauptstadt, den Absperrungen der “Pufferzone” und die “Geisterstadt” Varosia, die damals einer der modernsten Ferienorte war, seit 40 Jahren im Sperrgebiet liegt und langsam verfällt und dadurch paradoxerweise wieder zur Touristenattraktion wird.

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Der Norden hat sich als Türkische Republik Zypern 1983 unabhängig erklärt, wird aber nur von der Türkei anerkannt, die weiterhin Zehntausende von Soldaten im Norden stationiert hat. Der EU-Beitrittskandidat Türkei ist also zugleich Besatzungsmacht. Nur der Süden ist international anerkannt und trotz des ungelösten Teilungsproblems seit 2004 EU-Mitglied. Auch wenn die Nichtanerkennung und Begriffe wie Besatzungsmacht eine eindeutige Schuldzuweisung nahelegen, ist der Konflikt historisch komplexer. Das Instrumentalisieren und Ausspielen der beiden ursprünglich gemischt siedelnden Volksgruppen geht mindestens auf die Zeit der britischen Kolonialherrschaft zurück.

Die Invasion erfolgte aus türkischer Sicht, um die türkischsprachige Minderheit zu schützen, nachdem es langjährige zunehmend aggressive Konflikte auf der Insel gegeben hatte und eine Annexion ganz Zyperns durch die Militärjunta in Athen befürchtet wurde. Beide Nato-Mitglieder Türkei und Griechenland befanden sich 1974 am Rande eines Kriegs, der nur durch internationale Vermittlung vermieden werden konnte. Die Trennungslinie von vor 40 Jahren existiert auch heute noch. Die Militärjunta in Griechenland stürzte über den Konflikt auf Zypern, was den Weg erst frei machte für Beitrittsverhandlungen Griechenlands mit der EU, die 1976 begannen und zum Beitritt Griechenlands 1981 führten.

Zur Einführung in Geschichte und Gegenwart Zyperns eignet sich gut das Heft aus Politik und Zeitgeschichte von 2009, das auf den Seiten der BpB gelesen und auch als PDF heruntergeladen werden kann. Einführend mit einem guten, wenn auch kurzen historischen Überblick lässt sich auch die leider schon ältere Folge der Arte-Sendung “Mit offenen Karten” anschauen:

Zum Jahrestag gibt es bei der ARD einen Überblickbericht, der auch downloadbar ist sowie einen Podcast des Deutschlandfunks. Einen Blick in die “Geisterstadt” Varsosia bei Famagusta bietet aktuell der kurze Beitrag von Euronews, der zum Jahrestag auch die Zukunftsperspektiven der geteilten Insel anreißt. Al Jazeera hat zum Jahrestag eine Umfrage in Zypern zur Einschätzung der politischen Zukunft der Insel durchgeführt. Die Antworten auf die Fragen 2 und 4 können vergleichend auch gut zum Einstieg in das Thema im Geschichts- oder Politikunterricht benutzt werden.

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Die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg in Deutschland und Frankreich – Teil 5: 50 Jahre Erster Weltkrieg 1964-1968

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Denkmal am Ortseingang von Koblenz-Arzheim

[Zurück zu Teil 4]

Für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg beschränkt sich der Vergleich auf Frankreich und Westdeutschland. Eine Einbeziehung der DDR wäre sehr spannend, ist aber im zeitlichen Rahmen dieses Vortrags nicht zu leisten.

In Deutschland waren zunächst waren in der Regel wie in Frankreich die Kriegerdenkmäler zum Ersten Weltkrieg um Platten und Inschriften ergänzt worden, die in ungebrochenem Heldengedenken die Namen der Gefallenen des Ortes aus dem Zweiten Weltkrieg auflisten. In Deutschland gedachte man nun den Toten beider Weltkriege. Kirchengemeinden, Vereine und Nachbarschaften versammelten sich am Volkstrauertag oder anderen Feiertagen und Jubiläen zum Gottesdienst mit anschließendem Gedenken am Kriegerdenkmal. Auszug aus der Chronik der Freiwilligen Feuerwehr Koblenz Arzheim:

“[...] Nach Kriegsende bekam die Wehr neue Ausrüstung: eine neue Spritze und viele Meter Schlauchleitung. Oberführer Johann Staudt berief am 31. Mai 1947 eine Versammlung ein; er gedachte der Gefallenen des 2. Weltkrieges und dankte den Aktiven für die in den letzten harten Jahren geleistete Arbeit. [...]  Ihr 50jähriges Bestehen feierte die Freiwillige Feuerwehr Arzheim vom 10. bis 11. Mai 1958. Das Fest begann mit einem Commers im Vereinslokal Ufer unter Mitwirkung der Arzheimer Ortsvereine. [...] Der Sonntag begann mit einem gemeinsamen Kirchgang der Wehr mit anschließender Gefallenenehrung am Kriegerdenkmal [...]” (Zitat).

Messe in der Kathedrale von Reims mit de Gaulle und Bundeskanzler Adenauer

Messe in der Kathedrale von Reims mit de Gaulle und Bundeskanzler Adenauer am 8. Juli 1962

Die 1960er Jahre brachten dann zunächst auf staatlicher Ebene die freundschaftliche Annäherung von Deutschland und Frankreich: “Beim Empfang von Konrad Adenauer in Reims im Juli 1962 wurde der Erste Weltkrieg zwar nicht ausdrücklich erwähnt, die Erinnerung daran war dennoch gegenwärtig. Insbesondere die Kathedrale von Reims, in der die Freundschaftsmesse gefeiert wurde, ließ ihrer Zerstörung durch deutsche Kanonen im Jahr 1914 gedenken. Auch die nahen Schlachtfelder in der Champagne erinnerten an den blutigen Konflikt”. (Zitat) So wurde zunächst Reims zu einem Symbol der deutsch-französischen Aussöhnung (siehe auch diese Karikatur).

1964 stand für Deutschland wie 2014 ein doppelter Jahrestag an: der 50. Jahrestag des Beginns und der 25. des Zweiten Weltkriegs. Im Oktober des Jahres fand der Historikertag in Berlin statt, der medial stark rezipiert wurde. Ein zentrales Thema war die Fischer-Kontroverse. Diese war zwar 1963 bereits nach heftigen Debatten in den beiden Jahren zuvor wissenschaftlich wieder abgeebbt, wurde jetzt aber durch die Medien wiederbelebt, vor allem im Rundfunk und in Wochenzeitungen. Dabei ist besonders die Rolle des Spiegel herovrzuheben, der die ersten Kapitel aus Fischers Buch “Griff nach der Weltmacht”, das bereits 1961 erschienen war, 1964 nachdruckte und die Debatte in einer Vielzahl von Artikeln aufgriff (siehe z.B. die Ausgaben 11/1964 oder 43/1964; zur Fischer-Kontroverse in den Medien siehe PDF).

Bei der Diskussion über Fischers Thesen lässt sich in den 1960er Jahren eine klare Spaltung in rechte und linke Positionen feststellen. Fischer wurde vor allem von Linken verteidigt, während er von der Rechten in Presse und Wissenschaft scharf angegangen wurde. Wie schon unmittelbar nach dem 1. Weltkrieg lag der Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit wiederum auf dem Kriegsbeginn und Kriegsschuldfrage, die sich zum Fixpunkt der Debatte in der deutschen Öffentlichkeit entwickelt – im Gegensatz z.B. zu Frankreich. Die unterschiedliche Aufnahme und Reaktion zu Clarks “Schlafwandler” in diesem Jahr ist also wenig überraschend, wenn man die Vorgeschichte betrachtet.

Eine Spaltung gab es allerdings nicht nur zwischen links und rechts, sondern auch zwischen den Generationen. Massiv abgelehnt wurden Fischers Thesen durch “Frontgeneration”, die den 1. Weltkrieg als aktive Soldaten erlebt hatten, während die Nachgeborenen Fischer eher unterstützten. Diese generationelle Spaltung richtet den Blick auch auf eine weitere in diesem Zusammenhang interessante Frage, nämlich der nach Kontinuitäten in der deutschen Geschichte, wobei anzumerken ist, dass eine Kritik an der traditierten nationalen Geschichtserzählung nicht erst 1968 begann, sondern schon einige Jahre früher. Die Fischer-Kontroverse spielte dabei eine zentrale Rolle.

Bundeskanzler Erhard empfängt den französischen Präsidenten de Gaulle in Bonn, 3.7.1964

Bundeskanzler Erhard empfängt den französischen Präsidenten de Gaulle in Bonn, 3.7.1964

1964 gab es in Berlin ein großes Deutsch-Französisches Jugend-Zeltlager mit je 250 Deutschen undFranzosen über die Tage des Kriegsbeginns hinweg. Verständigung und Freundschaft im Vordergrund. Die UfA-Wochenschau berichtete darüber. Bereits am 31.7. hatte Bundeskanzler Erhard eine Rede zum 50. Jahrestags des Kriegsbeginns gehalten: Auch er betonte die Schaffung von Frieden, dass Krieg kein Mittel zur Lösung von Konflikten, sondern dies nur durch die Beseitigung von Ursachen bestehender Konflikte geschehen könne (der vollständige Redetext als PDF).

Zwar gab es in diesem Jahr auch Treffen des Bundeskanzlers Ludwig Erhard mit dem französischem Staatspräsidenten Charles de Gaulle, beide übrigens selbst Veteranen des Ersten Weltkriegs, aber keine gemeinsame Erinnerungsveranstaltung an den Ersten Weltkrieg.

In Frankreich lagen die Akzente der nationalen Erinnerung 1964 ein wenig anders als heute: Das Gedenken an den Ersten Weltkrieg hatte seinen festen, ritualisierten Platz im Jahreszyklus und so wurde neben dem Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkriegs vor allem dem 20. Jahrestag der “Libération” 1944 gedacht. Die Gedenkfeiern wurden zentral koordiniert, der Ton war ernst und würdevoll. Speziell zum Ersten Weltkrieg gab es auf nationaler Ebene aber nur zwei größere Ereignisse: De Gaulle hielt am 2. August eine Rede, die an die Mobilmachung der Franzosen erinnerte und begab sich im September für einen Tag auf die ehemaligen Schlachtfelder an der Marne. Das Gedenken an das Ende des Ersten Weltkriegs vier Jahre später war – gerade im Vergleich zu heute – gleichfalls wenig umfangreich.

5. Bloggeburtstag

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Am 12. Juli 2009, also morgen vor fünf Jahren, habe ich dieses Blog eröffnet und den ersten Beitrag geschrieben. Geburtstage und Jahrestage sind immer ein Anlass, um zurückzuschauen, Bilanz zu ziehen, Statistiken zu wälzen. Statistiken liefert einem WordPress jede Menge. Ein kleiner Auszug als Blick hinter die Kulissen:

Dieser Beitrag ist (zufällig genau) der 600. in diesem Blog, d.h. ca. 120 Beiträge pro Jahr oder anders formuliert alle drei Tage ein Beitrag. Seit 2009 gab es insgesamt mehr als 200.000 Zugriffe. Akismet hat dieses Blog vor bislang 14.907 Spam-Kommentaren bewahrt. Zugelassene und freigeschaltete Kommentare finden sich 823. Die am meisten angeklickten Beiträge über die ganzen fünf Jahre sind:

Unterrichtseinheit: Karl der Große – Teil 1
Unterrichtseinheit: Karl der Große – Teil 2
Ist die Erde rund? Über den Wandel des Weltbildes
Bismarcks Bündnissystem
Asterix und die Heeresreform des Marius
Der Teppich von Bayeux als Animationsvideo
ZDF-Serie “Die Deutschen” im Geschichtsunterricht?

Aus meiner Sicht sind das nicht die besten Beiträge. Die Liste zeigt meines Erachtens vielmehr: Gesucht werden online Unterrichtsmaterialien. Didaktische und methodische Fragen und Diskussionen werden weit weniger gelesen. Bei der Frequenz der Kommentare ist es genau umgekehrt. Eine Schlussfolgerung könnte sein: Wer viele Besucher und Zugriffe haben will, sollte Unterrichtsmaterialien veröffentlichen.

Kuriosum am Rande: Der in der Statistik von WordPress noch aufgeführte Artikel mit dem kleinsten Aufrufzahl verweist übrigens auf den Entwurf des neuen Geschichtslehrplans für die Sekundarstufe I in Rheinland-Pfalz und den Aufruf des Geschichtslehrerverbandes diesen zu diskutieren. Der Beitrag ist zugegebenermaßen nur eine schnöde Verlinkung, der Entwurf wäre meines Erachtens aber in der Tat diskussionswürdig.

Als ich mit diesem Blog angefangen habe, gab es schon einige “Edu”-Blogs, deren Zahl allerdings noch überschaubar waren (siehe die schöne, chronologische Übersicht zu Lehrerblogs im Zum-Wiki). Deutschsprachige Blogs zu Geschichte und Geschichtsunterricht waren noch mehr oder weniger an zwei Händen abzählbar. Die Geschichtsblogosphäre hat sich seitdem gewandelt. Blogs, wie die von Alexander König, die mich zum Bloggen gebracht haben, stehen still, einige sind ganz abgeschaltet, andere sind hinzu gekommen, in den wenigsten wird regelmäßig geschrieben. Die zum Teil aufgeregten Debatten der ersten Jahre gehören der Vergangenheit an. Wie Christoph Pallaske vor kurzem zu Recht auf Twitter feststellte, ist es ruhig geworden in der Geschichtsblogosphäre.

Ist das zu bedauern? Ein wenig melancholisch ist mir beim Schreiben schon zumute. Andererseits kann man mit Recht heute schreiben: Der “digitale Wandel” ist als Thema in der Geschichtsdidaktik angekommen. Es gibt Tagungen, die sich dem Thema widmen (München, Salzburg, Köln), eine Arbeitsgemeinschaft in der KGD, die sich des Themas angenommen hat. Entsprechende Beiträge fehlen auch nur noch selten bei anderen Tagungen und Publikationen, die keinen expliziten Schwerpunkt “Digitales” ausweisen.

Die Akzeptanz von Blogs wurde deutlich erhöht wesentlich durch das Blogportal hypotheses. Michael Schmalenstroer hat mit Planet History einen “Blog-Aggregator” eingerichtet, der alle Beiträge aus “Geschichtsblogs” bündelt. Allein für den deutschsprachigen Raum werden dort zur Zeit über 180 (!) Blog mit Geschichtsbezug gelistet.

Auch die Geschichtsdidaktik hat mit Public History Weekly ein redaktionell betreutes und von mehreren Autoren gefülltes Blogjournal, dem es gelungen ist, die universitäre Geschichtsdidaktik zur Publikation und Diskussion von Miszellen im Netz zu bringen. Keine geringe Leistung. Und dort wird diskutiert. Dass die Beiträge und Kommentare darüber hinaus auch von Wissenschaftlern der Nachbardisziplinen kommen, bereichert das Projekt und ist der aktiven Arbeit der Redaktion zu verdanken.

Die Themen und Diskussionen sind also nicht weniger geworden, sie haben sich verlagert. Die “wilden Zeiten” sind vorbei. Blogs haben ihre Unschuld schon lange verloren. Sie sind als Marketing-Instrument entdeckt worden und es gibt mehr als einen, der, wenn auch selbst nicht in Blogs oder sozialen Netzwerken aktiv, peinlich genau darüber wacht, was über ihn und sein Schaffen dort geschrieben wird. Was insgesamt sich beobachten lässt, ist eine Normalisierung und Institutionalisierung der Diskussion über das so lange erst unbekannte und dann fremde Digitalistan. Damit ist ein Thema etabliert, dass von vielen vor wenigen Jahren, von einigen allerdings auch bis heute, nicht als solches wahrgenommen wurde.

Auch wenn es in den einzelnen Blogs zu Geschichtsdidaktik und -unterricht sehr ruhig geworden ist, fällt der Blick in die Zukunft also positiv aus. Wichtige Debatten wurden angestoßen und werden uns auch zukünftig beschäftigen, z.B. über den Medienbegriff in Geschichtsdidaktik und -unterricht (siehe zuletzt den Beitrag von Christoph Pallaske bezeichnenderweise nicht in seinem Blog, sondern auf PH Weekly veröffentlicht).

Zu dieser speziellen Debatte abschließend noch ein Gedanke: Nach meinem Eindruck ist übrigens an der Frage nach dem “Medienbegriff” wenig Fachspezifisches, sieht man mal von dem Unterschied von Quellen und Darstellungen ab. Einen spezifisch geschichtsdidaktischen Medienbegriff kann es eigentlich nicht geben. Daher ist die Frage für alle Fächer und Schule insgesamt relevant. Ein Blick über den Tellerrand wäre interessant, ob in den anderen Fachwissenschaften oder der allgemeinen Erziehungswissenschaft überhaupt schon erkannt ist, dass es ein Problem gibt mit dem verbreiteten schulischen Medienbegriff. Ich könnte mir gut vorstellen, dass die Geschichtsdiaktik zwar noch disktuiert, aber doch schon einen guten Schritt weiter ist als andere Fachdidaktiken….

Eröffnung des Forst-Mayer Studien- und Begegnungszentrum in Laufersweiler

Daniel Bernsen:

Einmaliges Erinnerungsensemble zur Geschichte des deutschen Landjudentums in Laufersweiler im Hunsrück.

Ursprünglich veröffentlicht auf Jüdische Geschichte:

Gestern fand die offizielle Eröffnung des neuen Studien- und Begegnungszentrums in der ehemaligen Synagoge in Laufersweiler statt. In Laufersweiler ist ein einmaliges Erinnerungsensemble zum deutschen Landjudentum erhalten. Die ersten Bemühungen um einen Erhalt des Synagoge, deren Gebäude die Reichspogromnacht 1938 20140706_164731nur aufgrund der engen Bebauung überstanden hat und die nach dem Krieg u.a. als Wäscherei gedient hat, gehen ins Jahr 1983 zurück.

In den zurückliegenden über 30 Jahren wurde durch engagierte Bürger mit Unterstützung der Gemeinde, des Landes und der EU eine Struktur geschaffen, die Laufersweiler heute zu einem herausragenden Lernort jüdischer Geschichte in Deutschland macht.

In dem Synagogengebäude, das aufgrund der Nachkriegsnutzung durch eine Zwischendecke in zwei Etagen aufgeteilt ist, befinden sich unten eine ältere Ausstellung zu jüdischer Kultur, Religion und Geschichte der Juden in Laufersweiler. In der ersten Etage ist nun das Studien- und Begegnungszentrum mit Bibliothek, Arbeitstischen und Computern. Die Bibliothek enthält neben allgemeinen Standardwerken zu jüdischer…

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Die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg – Teil 4: jenseits von Gedenktagen und Denkmälern

Zurück zu Teil 3: Mini-Exkurs Gedenken an den Ersten Weltkrieg im Nationalsozialismus

Die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg ging in den Nachkriegsjahren über Gedenktage und Denkmäler hinaus. Die Kameradschaft und Verbundenheit der Überlebenden wurden durch Veteranentreffen am Leben erhalten. Diese darf man sich nicht als rein private Veranstaltungen in Clubräumen von Gaststätten vorstellen.

Foto: Landeshauptarchiv Koblenz, SW45185 / Anton Dillmann / CC-BY-NC-SA-3.0 DE

Veteranentreffen 1930 in Ehrenbreitstein. Foto: Landeshauptarchiv Koblenz, SW45185 / Anton Dillmann / CC-BY-NC-SA-3.0 DE

Diese Veteranentreffen hatten auch einen öffentlichen Charakter und konnten mit Umzügen mit Blaskapelle und öffentlichen Ansprachen einhergehen.

Das Interesse und die Beteiligung der Bevölkerung an diesen Treffen lässt sich gut an dem Foto vom Veteranentreffen des Train-Bataillons Nr. 8 in Ehrenbreitstein nachvollziehen, das vom 17. bis 19. Mai 1930 stattfand. Links und rechts der Straße sieht man die zahlreichen Zuschauer des Ereignisses.

In vielen Familien wurde die Erinnerung an den Krieg – an die Teilnahme oder gar den Verlust eines Familienangehörigen – bewahrt und gepflegt. Welche Bedeutung die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg in den Familien besaß, konnte man zuletzt an den enorm erfolgreichen Aktionstagen der Europeana sehen, die zeigten in welchem Umfang von Familien in ganz Europa bis heute Erinnerungsstücke an den Ersten Weltkrieg aufbewahrt werden.

Wer noch solche Stücke zuhause hat, können sie an den sogenannten Aktionstagen zu den Europeana-Mitarbeitern bringen und dort digitalisieren lassen, um sie anschließend wieder mit nach Hause zu nehmen. Auf diese Weise ist in den letzten Jahren ein europäisches Online-Archiv von Digitalisaten zum Ersten Weltkrieg entstanden. Hauptteil der Sammlung sind Digitalisate aus Archive, Bibliotheken und Museen. Insgesamt sind so mittlerweile über hunderttausende Digitalisate dort abrufbar.

Die familären Erinnerungsstück an den Ersten Weltkrieg haben sehr unterschiedlichen Charakter und reichen von Militaria wie z.B. Orden über Schriftdokumente wie z.B. Briefe oder Tagebüchern bis hin zu Alltagsgegenständen, die in Bezug zum Ersten Weltkrieg stehen oder aus Kriegsmaterial angefertigt wurden.

Die Bilder geben einen exemplarischen Überblick über die Vielfalt und Art familiärer Erinnerungsstücke zum Ersten Weltkrieg:

Die Sammlung der Europeana zum Ersten Weltkrieg lässt sich auch im schulischen Geschichtsunterricht nutzen. Einige Ideen zum Unterrichtseinsatz finden sich in einem Beitrag auf Open Education Europe zusammengestellt.

Weiterlesen: Teil 5 – 50 Jahre Erster Weltkrieg 1964-1968

Die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg in Deutschland und Frankreich – Teil 3: Exkurs NS-Zeit

Zurück zu Teil 2 – Weimarer Republik

Für die Nationalsozialisten war der Erste Weltkrieg ein zentraler Bezugspunkt für Politik und Erinnerungskultur. Nicht nur im Bezug auf die Revision des Versailler Vertrags, sondern auch ideologisch rückten der Mythos des Kriegserlebnisses und die Umdeutung von Krieg und Kriegstod als Opfer für die Gemeinschaft und Bedingung für den Erfolg und das Überleben des Volkes in den Mittelpunkt.

Entsprechend veränderte sich die offizielle Erinnerung an den Ersten Weltkrieg: Bereits 1934 wurde der ,,Volkstrauertag“ in ,,Heldengedenktag“ umgewandelt, zugleich wurden die Formen des Gedenkens vereinheitlicht. Die Inszenierung des Gedenkens an die Toten des Weltkriegs erfuhr eine Bedeutungsverschiebung von Trauer- zu Siegesfeiern.

So erklärte der “Bundesführer” des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, Siegfried Emmo Eulen, Ende 1933, da der Gedenktag “Volkstum und Volkskraft stärkt“ dürfe er kein Tag der Trauer bleiben, sondern müsse “ein Tag der Erhebung werden, ein Tag des Aufgehens der blutigen Saat“ (Zitat) werden. Hier findet sich auch das bereits im Beitrag zur Weimarer Republik erwähnte Motiv der Wiedergeburt.

Auch das Tannenberg-Denkmal wurde zum “Reichsehrenmal” umgebaut. Die Nationalsozialisten verklärten Kampf und Opfer. Beschworen wurde die Bereitschaft, sich selbst zu “opfern”. Durch die Opferbereitschaft sollte sich das “Volk”, die “Rasse” auszeichnen. Für die Masse der Verluste und die militärische Sinnlosigkeit schuf man so eine neue ideologische Legitimation, die den Kampf und möglichen Opfertod als Verpflichtung darstellte und mit der Entwertung des Einzelnen einherging. Die Bereitschaft zu Kampf und Tod “für das Vaterland wurde weder als bürgerliche noch als nationale Teilhabe am Gemeinwesen, sondern als Qualität der arischen Rasse und völkische Aufgabe inszeniert.” (Zitat)

Ein lokales Beispiel aus Koblenz, das die veränderte Formensprache und Botschaft zeigt, ist das nach 1945 teilweise demontierte Denkmal für das Infanterie-Regiment „von Goeben“ Nr. 28 auf der Festung Ehrenbreitstein. Das genaue Jahr der Errichtung des Denkmals wird unterschiedlich angegeben. Die Gestaltung spricht allerdings für die Zeit nach 1933.

Update [7.7.2014]: Vielen Dank an Frau Weiß vom Stadtarchiv Koblenz, die darauf hinwies, dass das Denkmal auf der Festung Ehrenbreitstein am 16. Juni 1935 eingeweiht wurde.

http://commons.wikimedia.org/wiki/File:W-1R_-_Koblenz_%280RP%29,_InfRgt_28.jpg

Historische Postkarte. PD Wikimedia Commons, o.J.

März 1945. Foto: Bundesarchiv, Bild 146-1970-088-28 / U.S. Signal Corps / CC-BY-SA

März 1945. Foto: Bundesarchiv, Bild 146-1970-088-28 / U.S. Signal Corps / CC-BY-SA

Die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg in Deutschland und Frankreich – Teil 2

Zurück zu Teil 1: Frankreich

1.2 Deutschland

Um die Veränderungen in Deutschland nach 1918 besser zu verstehen, lohnt sich der Blick auf die Denkmäler, die nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 errichtet worden sind. Typisch für die Jahre nach 1871 war die Errichtungen von Säulen (“Siegessäule” z.B. in Berlin, Chemnitz und Siegburg) sowie von Denkmälern in Obeliskenform.

Die Orte, an denen die Kriegerdenkmäler nach 1871 errichtet wurden, lagen zentral in den jeweiligen Städten, z.B. auf dem Markt oder in der Nähe des Theaters. In Gestaltung mischen sich nationale Symbole mit Siegeszeichen wie Lorbeerkranz oder Statuen von Nike/Victoria. Angebracht werden Tafeln, die in der Regel nicht nur die Namen der gefallenen, sondern auch der verwundeten Soldaten aus der Gemeinde auflisten. Nicht selten dienen die Kriegerdenkmäler. zumindest in ehemals preußischen Gebieten, der Erinnerung an alle “Einigungskriege”, so dass auch die die Kriege von 1866 und teilweise von 1864 miteinbezogen werden.

Kriegerdenkmal in Höhn-Schönberg. Foto: Martin Kraft, CC-BY-SA.

Kriegerdenkmal in Höhn-Schönberg. Foto: Martin Kraft, CC-BY-SA.

Eine Fortsetzung der bisherigen Gestaltung war aus mehreren Gründen nicht möglich: Ebenso wie in Frankreich liegt ein Grund in dem massenhaft Tod von ca. 1,9 Millionen Soldaten des Deutschen Reichs. Zum Vergleich: Im Deutsch-Französischen Krieg waren auf deutscher Seite etwas weniger als 45.000 Opfer zu beklagen.

Hinzu kamen aber nach 1918 die Niederlage sowie die Auflösung des Kaiserreichs. Errichtet wurden die Kriegerdenkmäler während der Weimarer Republik, die den Krieg zwar nicht geführt hatte, mit der sich aber viele, gerade in Militärkreisen, nicht identifizierten, sondern Republik und Demokratie ablehnten oder sogar aktiv bekämpften.

Die Kriegerdenkmäler nach 1918 zeichnen sich folglich durch eine Abwesenheit nationaler Symbole aus. Sie rücken zudem aus dem Zentrum der Stadt an Plätze am Rand wie Friedhöfe, Grünanlagen oder seitlich von Kirchen. Da der Krieg mit einer Niederlage endete, fehlen auch die Siegeszeichen der alten Denkmäler und damit fehlte auch ein Teil der bisherigen Sinnstiftung. An deren Stelle treten die Abbildung militärischer Zeichen sowie christlicher Symbolik (Kreuz, Pietà oder der heilige Michael als Drachentöter, zugleich Nationalpatron und Bezwinger des “Bösen”), die nun die offenkundig notwendige, nachträgliche Sinnstiftung für den massenhaften Kriegstod leisten sollte.

Ebenso wie in Frankreich steht im Mittelpunkt der Kriegerdenkmäler die Trauer. Auf kommunaler Ebene wird an dem individualisierten Gedenken in Form von Namenslisten der toten Soldaten festgehalten. Entgegen der Entwicklung der industrialisierten Kriegsführung und der “Erfindung” des “Grabs des unbekannten Soldaten” stehen in lokalen Denkmäler in Deutschland wie in Frankreich der einzelne Soldat als Kämpfer im Mittelpunkt, was durch figurale Darstellung eines einzelnen Soldaten im Denkmal betont wird.

Dies gibt es meines Wissens an älteren Kriegerdenkmälern nicht und kann seinen Ausdruck sowohl in ganzfigürlichen Darstellungen wie auch in behelmten Soldatenköpfen finden. Aufgrunddessen, dass Initiative den Kommunen und einzelnen gesellschaftlichen Gruppen überlassen wurden und keine nationalen Vorbilder vorhanden waren, ist die formale Gestaltung der Kriegerdenkmäler überaus vielfältig.

Als Beispiel mögen die Kriegerdenkmäler für 1870/71 und 1914-18 aus dem kleinen Ort Kamp-Bornhofen dienen, die heute beide in Abstand von wenigen Metern dort auf der Rheinpromenade stehen:

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Weitgehend in Vergessenheit geraten scheint, dass es nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland eine eine breite pazifistische Bewegung gegeben hat, u.a. initiiert durch ehemalige Frontsoldaten im “Friedensbund der Kriegsteilnehmer”. Diese wurde bereits 1919 u.a. durch von Ossietzky und Tucholsky gegründet. An den Demonstrationen zur Erinnerung an den Kriegsbeginn, am 1. August als Antikriegstag, beteiligten sich allein in Berlin bis zu 200.000 Demonstranten. 1922 hatte die Bewegung 30.000 Mitglieder. Sie löste sich allerdings 1927 bereits wieder auf und wie vor dem Krieg war der Pazifismus in Deutschland eine marginale Bewegung.

Die Weimarer Republik war geprägt durch eine gespaltene Gesellschaft. Dies spiegelt sich auch in der Erinnerungskultur und Geschichtspolitik der Zeit wider. Das Gedenken an den Krieg und seine Opfer war ein gruppenbezogenes (z.B. Gemeinden) und milieuspezifisches Gedenken. Der Streit der politischen Gruppen verhinderte zudem lange die Errichtung eines nationalen Denkmals.

Daher erklärt sich auch die im Vergleich mit Frankreich und England relativ späte Einweihung des monumentalen Tannenberg-Denkmals 1927 sowie später 1931 in Berlin auch die Umwidmung der Neuen Wache unter den Linden.

Beisetzung Hindenburgs am 7. August 1934, Foto: Bundesarchiv, Bild 183-2006-0429-502 / CC-BY-SA

Beisetzung Hindenburgs am 7. August 1934, Foto: Bundesarchiv, Bild 183-2006-0429-502 / CC-BY-SA

Die Initiative zum Denkmalbau ging vom Bund der Veteranen der Provinz Ostpreußen. “Tannenberg” war das einzige Schlachtfeld des Ersten Weltkriegs, dass sich innerhalb der deutschen Grenzen befand. Zudem war es eine für Deutschland siegreiche Schlacht, die mit dem Mittelalter (1410 Tannenberg/Grundwald) und dem Mythos Hindenburgs verknüpft wurde. Die Grundsteinlegung erfolgte bereits 1924, die Einweihung erst drei Jahre später, da war Hindenburg bereits Reichspräsident und als Datum wurde sein 80. Geburtstag gewählt.

Die Geschichte des Tannenberg-Denkmals kann stellvertretend für einen von der Mehrheit der Gesellschaft getragenen Wandel der Erinnerungskultur an den Ersten Weltkrieg gesehen werden. Der Ausdruck von Trauer wurde zu Revanche, das Gedenken an die Opfer zur Mahnung an die (Kampf-) Bereitschaft der Lebenden verbunden. Gegen Ende der Weimarer Republik überwog der Appel an einen aggressiven Nationalismus, an den die Nationalsozialisten nahtlos anknüpfen konnten.

Diese fließenden Übergänge der Erinnerungskultur zeigen sich in der Geschichte des Volkstrauertrags als zentralem Gedenktag für die Opfer des Kriegs in Deutschland. Die des Tages war vom 1919 gegründeten Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge mit Nachdruck betrieben worden. Auch hier gehen wiederum Vorschlag und Durchführung zunächst auf eine private und nicht auf staatliche Initiative zurück.

1926 wurde durch die Reichsregierung Kundgebundgen zum Volkstrauertag beschlossen, aber kein gesetzlicher Feiertag eingeführt. Anders als heute war es der fünfte Sonntag vor Ostern. Die Tageswahl stand symbolisch in der Nähe zur Wiederauferstehung Christi. Das Gedenken wurde damit in den Zusammenhang einer erwarteten nationalen Wiederaufstehung gestellt.

Der Volkstrauertag war ebenso umstritten wie die Denkmäler auf nationaler Ebene: So gab es Unterschiede in Termin und Gestaltung der Feierlichkeiten je nach Region und Konfession. Versammlungen und Reden hatten oft stark antidemokratischen und aggressiv nationalistischen Charakter, was die Vereinnahmung durch Nationalsozialismus leicht machte.